Fragen

Da muss ich mal kurz überlegen

Fragen an den Klavierstimmer und Autodidakten (FAQ)

Wie lange dauert eine Stimmung ?

Sehr unterschiedlich. Normal sind bei mir 90 Minuten, aber es kann auch über 2 Stunden dauern. Das sagt auch nichts darüber aus, wie alt das Klavier ist oder wie hoch die Qualität. Wenn es schnell gehen soll, geht es auch in einer Stunde, aber das mache ich nur selten.

Sind Flügel schwerer zu stimmen als Klaviere ?

Nein, meistens leichter. Die Körperhaltung ist angenehmer, die Saiten sind (meistens) länger als beim Klavier und die meisten Flügel haben einen klareren Klang. Natürlich gibt es Ausnahmen, doch der höhere Preis, der oft für eine Flügelstimmung verlangt wird, bezieht sich nicht auf die höhere Arbeitsleistung.

Und was hat es mit den verschiedenen Stimmungen auf sich ?

Das ist ein kompliziertes Thema. Dafür müsste ich eigentlich Hörbeispiele geben. Ein verstimmtes Klavier erkennt jeder sofort, wenn er Oktaven spielt: Irgendwie „eiert“ der Klang. Das ist genau genommen keine Veränderung der Tonhöhe, sondern der Lautstärke und wird Schwebung genannt. Die Schwebungen fallen auf, wenn sie schneller als einmal pro Sekunde sind. Sie entstehen, wenn die Intervalle (zum Beispiel die Oktave) nicht „rein“ gestimmt ist, im Fall der Oktave also der obere Ton nicht genau doppelt so hoch ist (als Frequenz gemessen). Hat der untere Ton 100 Hertz und der obere 199 Hertz, dann hört jeder eine Schwebung von 1 Hertz, also einmal pro Sekunde. Bei der reinen Quinte muss der obere Ton 1,5-fach so hoch sein. Während die Oktaven im mittleren Bereich immer rein gestimmt werden, ist das bei allen 12 Quinten (die es bei unserer Tonleiter gibt) nicht möglich (der Quintenzirkel würde dann nicht geschlossen). Und nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Quinten unrein zu stimmen. Heutzutage werden sie meistens alle etwa 0,11% zu klein gestimmt. Das ist die gleichschwebende Stimmung. Bevor sie sich durchgesetzt hat, gab es verschiedene Verteilungen. Meistens wurden nur 4 der 12 Quinten unrein gestimmt. Das Bedeutsame dabei ist, dass sich dann nicht jeder Dur-Dreiklang gleich anhört, ebenso bei Moll. Auf diese Feinheit wurde mit der Durchsetzung der gleichschwebenden Stimmung verzichtet.

Warum ?

Gute Frage. Wenn ich darüber etwas lese, scheint es mir keinen rationalen Grund zu geben – außer dass es nur eine gleichschwebende Stimmung, aber viele ungleischwebende gibt. Wenn jetzt eine Orgel nach „Kirnberger 2“ gestimmt wird und der Komponist verlangt eine „Werkmeister 3“-Stimmung, gibt es ein Problem. Oder wenn eine Flöte mit anderer Stimmung als die Viola da Gamba zusammen spielen soll. Die gleichstufige Stimmung könnte der kleinste gemeinsame Nenner sein, der sich durchgesetzt hat. Mir selbst gefällt die Valotti-Stimmung am besten: Je mehr Vorzeichen, umso deutlicher sind die Schwebungen zu hören, umso bewegter ist also der Klang. Dabei gibt es noch feine Unterschiede in Dur und Moll. Allerdings sind das Feinheiten, die im Alltag nicht auffallen.

Vermissen Sie eine reguläre Ausbildung ?

Eine Ausbildung zum Klavierstimmer gibt es nicht, nur zum Klavierbauer. Darin ist die Klavierstimmung enthalten. Die Technik des Stimmens ist schnell gelernt, worauf es ankommt, nämlich die Haltbarkeit der Stimmung und die Schönheit des Gesamtklanges, verlangen dagegen viel Erfahrung – und Freude an der Arbeit und am Klang. Wenn ich eine reguläre Ausbildung gemacht hätte, wer weiß, ob ich dann die Freude behalten hätte, mit der ich mich an jedes Klavier setze. Jedes Kennenlernen dieses bestimmten Klaviers oder Flügels mit seinen Eigenheiten, das so etwa 30 Minuten dauert, die Entspannung beim Stimmen der Basssaiten und die Aufregung, wie sich die Saiten im oberen Diskant verhalten, all das bringe ich in Verbindung mit der Art, wie ich das Klavierstimmen im Laufe der Jahre „erforscht“ habe.

Als ich einmal einen uralten Flügel geschenkt bekam, den ich dann komplett restauriert habe, hätte ich schon gern etwas mehr Kenntnisse von den Einzelheiten der Mechanik gehabt – vor allem aber vom Lackieren. Ich wollte ihn mit Schellack wieder auf Hochglanz bringen, das ist mir leider nicht gelungen. Dafür klingt er wieder wie ein Flügel, der Anschlag ist gleichmäßig und die Spielgeräusche halten sich im Rahmen des Üblichen.

Spielgeräusche ?

Ja, die gehören zum Klavierklang dazu, ohne dass es bemerkt wird. Die Tasten stoßen ja irgendwo gegen und wenn sie zurück nach oben gehen, stoßen sie ja auch an. In der Mechanik gibt es auch Stöße, nur die Reibung soll unhörbar sein. Beim Gitarrenspiel genießen wir ja auch das Geräusch, wenn die Finger der linken Hand über die Saiten rutschen. Ein Klavier/Flügel ohne Spielgeräusche würde ärmer klingen. Da bin ich mir sicher. Nur wenn es zu viel wird, stört es, wenn zum Beispiel die Filzbeläge im Laufe der Jahre zusammen gedrückt werden und der Anschlag lauter wird. Damals sagte eine Schülerin, der Flügel klappert ja. So wurde ich darauf aufmerksam.

Sind Tuner, also Stimmhilfen, ein Segen oder ein Fluch ?

Das kommt darauf an. Erstens sind die meisten Tuner ungenau. Es gibt aber sowohl gute Analog-Geräte (z.B. von Kork) als auch mindestens eine gute App (gstrings). Zweitens kommt es darauf an, was der Klavierstimmer damit macht. Wenn er den Tuner benutzt, um die richtige Tonhöhe zu finden, sind sie ein Fluch. Die richtige Tonhöhe muss sich gut anhören. Da hilft es, die Quinte zu spielen, auch die Quarte natürlich und – nach mindestens vier Quinten – die kleine Sexte und die große Terz, also einen Dreiklang. Bei fast jedem Klavier gibt es Quinten, die so, wie der Tuner anzeigt, nicht gut klingen. Dann muss scheinbar verkehrt gestimmt werden. Diese Differenz gleicht sich aber später wieder aus. Für mich ist der Tuner ein Begleiter, der mich davor bewahrt, aus Versehen eine etwas zu große Quinte zu wählen anstatt eine etwas zu kleine; oder der mich darauf aufmerksam macht, dass die Quinte nicht so rein sein darf, wie ich sie gern hätte. Seitdem ich den Tuner so als Assistenten verstehe, nutze ich ihn gern. Die Angst, jemand, der den Tuner benutzt, kann eigentlich gar nicht Klavier stimmen, ist begründet, aber nicht immer zutreffend. Nur jemand, der sich auf den Tuner verlässt, stimmt das Klavier nicht schön, sondern nur theoretisch richtig. Es ist, wie so oft: Zwischen Fluch und Segen ist  es nur ein kleiner Schritt.

Ist der Klang eines Klavieres und Möglichkeiten, ihn zu verändern, auch so kompliziert ?

Nein. Der Klang liegt zum einen am Holz, zum anderen am Hammerfilz. Der Rest ist relativ unwichtig für den Klang (nicht für das Spielgefühl und die Reinheit des Tones). Am Holz ist nichts zu ändern, aber der Hammerfilz lässt sich fester oder weicher machen, ganz mechanisch. Es gibt auch Chemikalien zum Festigen, aber davon rate ich ab, außer bei ganz alten Klavieren mit schlechtem Filz. Ein Bügeleisen tut es besser, natürlich mit Vorsicht. Weicher bekommt man Filz und Klang durch Nadeln. Die werden normalerweise von vorn in den Hammer gestochen, effektiver ist es aber von der Seite. Dafür gibt es Werkzeuge. Das alles gehört aber in den Bereich des Klavierbauers und ich will mich dabei nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.

Zum Schluss noch eine Frage: Was hat es mit der sogenannten Streckung auf sich ?

Damit ist gemeint, dass die Oktaven ganz unten und ganz oben nicht rein gestimmt werden. Dann würden sie nämlich „eiern“. Das liegt an den Obertönen, die jeder klingende Ton hat. Ohne Obertöne gibt es nur einen Stimmgabel-Ton ohne Charakter. Diese Obertöne haben die vielfachen Frequenzzahlen, ein Ton von 100 Hertz hat also Obertöne von 200, 300, 400 Hertz usw. Wie dominant jeder dieser Obertöne ist, macht den Klangcharakter des Tones aus: starke hohe Obertöne machen den Klang metallisch, das Gegenteil wären hölzerne Flötenklänge, so ganz grob. So weit, so gut. Leider ist die Wirklichkeit komplizierter: Sobald die Saiten dick im Verhältnis zur Länge sind (also entweder bei dicken Basssaiten oder bei kurzen Diskantsaiten), sind die Obertöne höher als die Vielfachen. Weil aber die Schwebungen durch die Obertöne entstehen, müssen die hohen Töne etwas tiefer gestimmt werden, damit die Obertöne wieder zusammen passen; die untersten Basstöne ebenfalls. Das wird bei Wikipedia verkehrt beschrieben. Jeder kann hören, dass die obersten Töne etwas zu tief klingen, wenn sie als Oktaven ohne Schwebung sein sollen. Es ist natürlich möglich, richtige Oktaven zu stimmen und die Schwebungen in Kauf zu nehmen. Allerdings sind es dann ziemlich schnelle Schwebungen, die wirklich auffallen. Es lässt sich aber ein Kompromiss suchen. In der Praxis merkt kaum jemand die zu tiefen hohen Töne, dagegen schon die Schwebungen. Darum stimme ich schwebungsfreie Oktaven auch oben und unten.